Ein dunkler Laborraum C109, heute morgen schon genutzt für Experimente zur Personenwahrnehmung, im Erdgeschoss der Universität Konstanz. Keine Fenster. In der Mitte des Eingangbereichs vor dem schmalen Flur zu den einzelnen Untersuchungkabinen steht ein gelb angestrichener Tisch. Dahinter ein Stuhl. Rechts eine 50x60 cam große Tafel. Vor dem Tisch auf dem Flur stehen zwölf Studenten, einer heißt Paul und beantwortet alle Fragen des unruhigen Soziologiestudentens mit der Kamera. Der Verwaltungswissenschaftler schiebt die Scheinwerfer zwischen den berechneten Schnittpunkten eines auf den Teppich eingezeichneten Koordinatensystems (eine Idee des engagierten Mathematikstudenten im fünften Semester) vor und zurück. Langsam sammeln sich die zwölf hinter dem Laptop auf dem die Kameraaufzeichnungen übertragen werden. Die rechte Tür öffnet sich: Ein Statstikprofessor tritt herein. Im Aussehen ähnlich dem Hilfe-Professors bei Microsoft Word. Äußerst liebenswert.Ein zufriedenes Lächeln huscht über seine Lippen als sein Blick auf den Teppichboden fällt. "Welch ein Hinge!",
stößt er erfreut hervor und setzt sich auf den Stuhl hinter dem gelben Tisch. Es wird still. Drei, zwei, eins -
ON AIR - schreibt der Statistikprofessor an die Tafel. Die Studenten summen dazu im Hintergrund eine undefinierbare Melodie. "Es ist 8.30 Uhr.", ruft eine vergessene Versuchsperson aus einer abgeschlossenen Untersuchungskabine nebenan.
Der Professor räuspert sich."Meine Damen und Herren,
es ist 8.30 Uhr, wir werfen später einen kurzen Blick auf die Übungsaufgaben im Statistik-Skript, aber zunächst die Tagesthemen - ist das okay?"
Die zwölf Studenten nicken, was Sie nicht sehen könnnen, da die Kamera auf den etwas zerzausten Kopf des Professors zoomt.
"Meine Damen und Herren, die Tagesthemen."
Er startet den Beamer, eine Powerpointpräsentation. Hellblauer Hintergrund.
"Aktuell verweilen Kupferkind und Mitstudenten noch im Tiefschlaf, da gestern abend ab 20.30 Uhr die erste WG-Party, konkret: das gemeinsame Vorglühen zur WiWi-Uniparty stattfand."
Er schreibt an die Tafel die Gleichung: WiWi = Wirtschafts+wissenschaften."Wenn wir das Essverhalten in der Absolutskala festhalten, das ist okay?" -
Die Studenten nicken und Sie sehen es nicht. - "erhalten wir eine Sortierte Liste mit fünfundreißig Personen, deren x-Wert von ein Stück Tiramisu bis drei Schokomuffins, drei Dipvarianten und zwei Schüsseln Chips reicht. Eine Häufigkeitsverteilung gibt Aufschluss darüber, dass fast alle Gäste und Gastgeber bis 11 Uhr zwischen Kupferkindszimmer und Küche flanierten, das wunderschöne Dämmerlicht der Teelichter und mit orientalischen Tüchern überhangenen Schreibtischlampe bewunderten und den Wort-pro-Minute-Anteil in die Höhe trieben. Danach verwaisten zwei Gäste und ein Gastgeber in informationsaustauschanregender Stimmung in Kupferkindsgemach und redeten die Zeit bis kurz nach drei kurz und klein. Es ist 8.32 Uhr, sie schlafen noch immer."
Der Professor wirft einen Blick über seine Brille, wischt die Kreideweißen Finger an der schwarzen Hose und fügt hinzu: "Ist das okay, meine Damen und Herren?"
Die vergessene Versuchsperson nickt in ihrem Kämmerchen, was weder Sie noch der Professor sehen können. "Akut: Das Kupferkind erkennt in der Vorlesung
Allgemeine Psychologie: Motivation den eigenen Zustand wieder. Statt sich in der präaktionalen oder gar aktionalen Phase des Rubikon-Modells zu befinden, verweilt es bisweilen immer wieder in der prädezisionalen Phase, was, meine Damen und Herren, der Hauptgrund für Kupferkinds ungewisse Zukunftsperspektive ist und wohl der Ursprung der anhaltenden Zermürbung. Die Fachschaft rät an Wochenenden oder Weihnachtsferien dringend zu einem bewussten Verweilen in der Prädezisionalen Phase, auch Abwägende Bewusstseinlage genannt, um Alternativen und Perspektiven in Einklang zu bringen.
Ansonsten stetige Werte: viel zu lesen, viel zu rechnen, ernsthaften Informationsstau nach Stuttgart, Bochum, Zürich und wo die netten Leute sonst noch wohnen.
Ist das okay, meine Damen und Herren? - Nein, ist es nicht, aber das Kupferkind lacht trotzdem. Während der Vorlesung und außerhalb. Manchmal ein wenig zu laut, aber in Stuttgart hört man das ja sowieso nicht."
Er schreibt an die Tafel: SENDEZEIT -> NULL.Der Bildschirm wird schwarz. Aber das sehen nur Sie.Anhang: Ich würde euch jetzt gerne erklären, was ein Hinge ist, aber ehrlich gesagt, kann ich das ohne mein Statistik-Skript nicht. Und das Rubikon-Modell könnt ihr euch bei der Uni-Konstanz von Anja Achtziger runterladen. Aber eigentlich ist das absolut unnötig.