Karla Kolumna fragt nach. Live-Interview mit dem Kupferkind. Das Kupferkind sitzt (fast) auf dem Balkon (eine geöffnete Balkontür und milde Frühlingsluft im Wohnzimmer), die Vögelzwitschern, wie immer, sowieso unaufhörlich und so eben auch heute. Im Wind wiegt sich der frisch ergrünte Wald. "die Bäume haben jetzt ganz weiche Blätter, müsst ihr mal fühlen!", meint das Kupferkind. Man merke sich: Linder schädigt irreversibel und fragt sich, wann das Kupferkind zu Greenpeace übertritt und doch endlich sein ökoligisches Jahr macht. Und da sind wir auch schon mitten im Thema, Karla Kolumnas Fragebogen, dem Topthema des wunderbar ausklingenden Frühlings-; ja fast schon Frühsommertages.
Karla Kolumna: Die Schule ist bald vorüber. Die Zeugnisse sollen, so weit es fest steht, am 22.Juni, der Tag an dem das 44.Spiel der Fußball-WM, Kroatien gegen Australien im Gottlieb-Daimler-Stadion stattfindet, ausgegeben werden. Und, um es kurz zu machen und einen absolut abgedroschenen, unorginellen Werbeslogan zu zitieren, "Abi- und dann?", liebes Kupferkind...
Kupferkind: Meine erste Antwort auf diese Frage: Das weiß ich eigentlich immer noch nicht. Meine zweite Antwort auf diese Frage: Ich habe mir überlegt eventuell Psychologie zu studieren. Die zweite Angabe wird beziehungsweise wurde aber auch schon im ständigen Wechsel mit zuerst genanntem mit: "Medien würden mich schon interessieren", "Die Filmakademie in Ludwigsburg reizt mich schon, das Praktikum allerdings nicht" oder nichts Weiterem beantwortet.
Karla Kolumna: Sie wissen aber, dass der 22. Juni nicht mehr lange hin ist und es sich hier schließlich um eine Entscheidung dreht, die ihr Leben prägen und bestimmen wird.
Kupferkind: Das ist ja gerade das große Dilemma!
Kupferkind lässt seinen Blick über die Balkonbrüstung schweifen und verharrt in der Ich-schaue-fast-so-schön-angetan-wie-die-Frau-auf-dem-Traumschiff-am-Sonntag-Abend-im-Zweiten-die-wie-jeden-Abend-ihre-verloren-geglaubte-erste-Liebe-wiedertrifft-Position.
Eigentlich ist mein Leben schön. Ich will gar keine großartige Veränderung. Wenn man unzufrieden ist und schon ungeduldig, ja fast schon auf gepackten Koffern zu Hause sitzt und die selben Socken jeden Tag trägt und sie Abends wäscht um bei nächster Gelegenheit die Zahnbürste einzustecken und das elterliche Haus zu verlassen und in den Flieger in eine andere Welt, der Zukunft entgegen zu fliegen, der kann das Spiel von Kroatien gegen Australien kaum erwarten. Aber eigentlich ist das bei mir nicht so. Gar nicht.
Karla Kolumna: Sie sind mit ihrer Situation zufrieden? Ein Nesthocker? Ein Mamakind? Mit ihrer Regression und dem naiv-frühkindlichem Gemüt ein Leben lang zufrieden?
Kupferkind: Nein, das meine ich nicht. Und überhaupt: wie klingt das denn! Ich finde es vernünftig, toll, erstrebenswert zu flüchten, endlich selbst entscheiden zu können und alle Freiheiten der Welt zu haben. Doch vielleicht noch nicht jetzt – so früh. Am schönsten war doch der Moment, an dem man auf Hitzefrei hoffte, obwohl es das in der Oberstufe schon längst nicht mehr gibt, dem öden Matheunterricht beiwohnte und von der großen Freiheit träumte. Denn da wusste man noch nicht: was, wann und wo. Da konnte man noch alles tun – oder dachte das zumindest. Da war ein Mathematikstudium, trotz mangelndem Interesse und Begabung, nicht abwegig und der Bestsellerroman schon so gut wie ausverkauft. Nun steht man da und mekt, dass das Leben vielleicht doch nicht so großartig wird, wie man dachte. Es wird nicht mies, nein. Aber eben nicht halb so toll wie diese hunderttausend Fantasien im Matheunterricht neben der Hesseschen Noramelnform. Das ist gemein.
Karla Kolumna: Was wollen Sie nun tun? Ein stiller Protest? Das Abitur wiederholen? Ein Amoklauf? Oder sofort in die Psychatrie?
Kupferkind: Innerliche Revolte. Obwohl: das macht es schon von alleine. Noch ein bisschen Schule auf ewig. Zumindestens zwei Wochen lang. Dann sieht man weiter.
Karla Kolumna dreht sich zur Seite, studiert die unterschiedliche Schattierung der Wolkenberge und murmelt etwas vor sich hin, was die Frau, die in Steno mitschreibt, leider nicht verstanden hat.
Anmerkungen: Die Erzählperspektive ist wirr und keinen Versuch wert, sie wie die Erzählweise in der "Else" zu analysieren. Generell handelt es sich hierbei um pulp fiction, Schundliteratur, ohne der Frau, die alles in Steno mit bestem Gewissen assoziiert und ergänzt, zu nahe treten zu wollen.